Knarsch, Klack-Klack, Krächzen Wildtiere fliehen vor mir Die Sonne kommt raus
Letzte Nacht haben mindestens vier Personen im Hotel geschlafen, sehr diskrete Zeitgenossen. Nach dem „Frühstück“ versuche ich es mit Berlinaletickets um 10, bekomme aber nur Karten für einen Film. Die Strategie mit mehreren Fenstern im Browser geht nicht auf, ich werde geblockt.
Ich komme daher erst 10h20 los und bin etwas unter Stress, da die längste Etappe ansteht, die ich aber leicht abkürzen kann, was allerdings bedeutet, dass ich zwischen Start und Ziel nur durch drei Orte komme. Das Wetter ist trüb, Eis habe ich genug um mich rum.
Fehrbellin
Ich warte dauernd auf den See, bis mir auffällt, dass es den ja gar nicht gibt. Da habe ich Fehrbellin mit Werbellin verwechselt, wohin Erich Honecker 1981 Helmut Schmidt einlud.
Außer Tieren treffe ich zwischen den wenigen Orten, die ich heute ansteuere, nur ein paar Autos, einen Radfahrer und mehrere Gassigeher. Niemand anderes ist so verrückt, in dieser unwirtlichen Landschaft herumzuwandern. Die Spuren im Schnee deuten darauf, wen ich heute vor allem treffen werde: wilde Tiere.
Spuren
Die Felder sind übersät mit Maulwurfshügeln, außerdem wurden die Heuballen auf einer Wiese vergessen, die werden ja sicher nicht schlecht.
Maulwurfshügel
An einer abgeschiedenen Kreuzung weit von jeglicher Zivilisation komme ich an einer Gerichtsstätte vorbei. Hier wurden u.a. Todesurteile an Kindsmörderinnen vollstreckt, die vor allem auch der Abschreckung dienten.
Gerichtsstätte Das Gericht
Am Himmel ziehen zwei Kraniche nach Norden. Gegen halb zwei kommt die Sonne raus. Vor mir pickt ein Spatzenschwarm auf dem Weg.
Wintersonne
Ich komme nun nach Garz. Hier gibt es einen Wohnturm aus dem 14. Jahrhundert (der letzte dieser Art in der Mark Brandenburg), in dem die Familie von Quast wohnte, die hier lange das Sagen hatte.
Garz, Wohnturm
Bei der schlichten Kirche fällt der spitze Turm auf.
Garz, Kirche
Ich verlasse den Ort über die Temnitz.
Garz, Temnitz
Auf dem Weg nach Barsikow scheuche ich am Wegesrand einen Feldhasen auf, der in Heidenangst vor mir ins Feld rennt. Hier gibt es größere Schneeverwehungen, z.T. über 30 cm tief. Gut, dass ein Allradfahrzeug Spuren hinterlassen hat, in die ich stapfen kann. Man sieht hier übrigens Wege oft sehr gut aus der Ferne, weil sie sich durch Baumreihen andeuten, die sich als Alleen herausstellen.
Vor Barsikow
Heute habe ich immer wieder das Problem, dass die Stöcke zwischen Betonplatten bzw. Steinen wie auf dem alten Pflasterweg vor Barsikow steckenbleiben. Das hindert das Fortkommen – gefühlt – ungemein. Ansonsten genieße ich es, dass das Gras unter dem abtauenden Schnee so langsam zum Vorschein kommt, die Weichheit ist eine Wohltat für die Füße.
Vor mir höre ich plötzlich Stimmen, es hört sich an, als hätte jemand ein Radio sehr laut aufgedreht. Es handelt sich um einen Schwarm von Zugvögeln, ich glaube es waren schnatternde Wildgänse. Es sind generell viele Zugvögel unterwegs, die meisten fliegen Richtung Osten. Heißt das, dass der Winter bald vorbei ist?
Es ist nun schon nach fünf und dämmert so langsam. In großer Entfernung vor mir rennen drei Damwildweibchen in einem Affenzahn ins weite Feld. Kurz danach sehe ich ein weiteres Rudel von vier Tieren Reißaus vor mir nehmen.
In Metzelthin passiere ich die schöne Feldsteinkirche und erfreue mich kurz an dem Herrnhuterstern über dem Eingang.
Metzelthin, Feldsteinkirche
Die letzten Meter zu meinem Ziel Wusterhausen gehe ich im Dunkeln am Straßenrand entlang. Viele Autos, die mir entgegenkommen blenden auf. Ein junger Mann hinter mir hupt und bietet mir einen Lift an, was ich dankend ablehne.
Übernachten tue ich bei einer netten Gastfamilie in der Mansarde unterm Dach, die sich schon Sorgen gemacht hatte, weil ich eine Stunde später als angekündigt erscheine.
Hier ist die Übersicht über meine Wanderung auf dem brandenburgischen Jakobsweg im Februar 2026.
Wenn ich so etwas lese, macht mich das schaudern und ich bin froh, den größeren Teil meines Lebens schon hinter mir zu haben. Werden in Zukunft noch Menschen mit Menschen sprechen? Ich habe da große Zweifel. Weil mit der KI, die alles weiß und einem nach dem Mund redet, ist es doch viel angenehmer zu interagieren. Was wäre das für eine Welt, in der Menschen es nicht mehr auf sich nehmen, sich mit anderen Menschen mit anderen Standpunkten auseinanderzusetzen? Ich möchte in dieser Welt jedenfalls nicht leben.
Die Wege tauen Immer am Graben entlang Contenanceverlust
Die Nacht über schlafe ich mit offenem Fenster, da es mir aufgrund der nur schwer regelbaren Wandheizung zu heiß ist.
Zum „Frühstück“ genieße ich Orangen- und Apfelsaft sowie zwei Kännchen Tee im schönen Frühstückssaal. Es sitzt dort außerdem eine Gruppe, die über preußische Geschichte und Psychosomatik parliert.
Schloss Groß-Ziethen
Der fürsorgliche Herr an der Rezeption möchte mir eine Thermoskanne, Schuhkrallen und Kartenkopien mitgeben; ich lehne dankend ab.
Draußen taut es bei Temperaturen knapp über Null weiter vor sich hin, es ist weniger glatt als gestern. Ich gehe wieder an der Straße zurück nach Staffelde, ein Starenschwarm fliegt rauf und runter…
In der schlichten, geschlossenen Feldsteinkirche erfreut mich ein Herrnhuter Weihnachtsstern hinter dem Kirchenfenster.
StaffeldeStaffelde, Herrnhuterstern
Ich gehe jetzt wieder den freigeräumten Radweg Richtung A24 (Hamburg-Berlin) und dann ein Stück an der Autobahn entlang. Dort treffe ich auf ein junges Paar, er führt den Berner Sennenhund an der Leine(!), vom Zurückgrüßen halten sie nichts.
Nun geht es durch das Straßendorf Flatow, hier ist sogar das Tor zur Kirche geschlossen.
Flatow
Der Weg führt nun durchs Luch, ein ehemaliges Moor. Im 18. Jahrhundert wurde hier Torf abgebaut und auf Kähnen nach Berlin gebracht, was für einen gewissen Wohlstand sorgte. Friedrich der Große begann 1776 mit der Trockenlegung des Rhinluches, die Anfang des 20. Jahrhundert vollendet wurde. Die Gräben leiten das Wasser bis heute in den Rhin.
Über mir fliegen vier Schwäne gen Süden. Ich muss hier wieder ein Stück an der Straße entlang gehen. In den Bäumen am Straßenrand nisten mehrere schwarze, mittelgroße Vögel mit einem sehr charakteristischen Ruf, die ich aber leider nicht bestimmen kann, da sie zu schnell auffliegen, als ich versuche, die Handschuhe auszuziehen.
Ich komme nun in dem Storchendorf Linum an. Das eine Storchennest wird derzeit von schwarzen Vögeln – für Krähen zu klein? – bewohnt.
Linum, Storchennest
Hier genehmige ich mir eine Tasse grünen Tee in der Storchenklause. Nebenan bekommt man frische und geräucherte Süßwasserfische.
Linum, Neugotische Kirche
Ich stoße auf einen Entwässerungsgraben, dem ich ein gutes Stück folge. Die Landschaft ist weiterhin unspektakulär. Man kann nichts davon ahnen, dass hier in der Gegend 1675 der Große Kurfürst die Schweden entscheidend besiegte und den Grundstein für den Aufstieg von Preußen schuf. Bei der Schlacht war übrigens auch ein gewisser Prinz von Homburg, den Kleist in seinem Drama verewigte, zugegen.
Kanalgraben hinter Linum
Ich mache den kleinen Abstecher nach Hakenberg, gehe aber nicht bis zur 36 m hohen, begehbaren Siegessäule auf dem Kurfürstenhügel, die noch weiter südlich liegt (das wäre hin und zurück 1h Umweg gewesen). Stattdessen fällt mir unweit der Kirche eine Skulptur mit mehreren Reliefs und zwei widersprüchlichen Zitaten zum Krieg ins Auge.
Hakenberg, Skulptur von Lothar Seruset zum Krieg
Der nächste Ort, den ich erreiche, ist Tarmow, wo nichts Interessantes im Bücherschrank steht, außer dem Hinweis, doch bitte die ISBN-Nummern und den Barcode der gespendeten Bücher zu schwärzen, damit Buchsammler sie schlechter verkaufen können.
Hier gibt es allerdings eine Schinkelkirche.
Tarmow, Schinkelkirche
Über die A24 komme ich nun nach Fehrbellin. Meine Unterkunft, ein vollautomatisierter Flachbau ist verschlossen, niemand da. Ich rufe an und echauffiere mich, da die E-Mail mit dem Zugangscode im Spam gelandet ist und die Lösung etwas auf sich warten lässt. Außerdem bin ich stark dehydriert, da ich zu wenig von dem eiskalten Wasser getrunken habe. Es klappt dann aber schließlich alles mit den vier Codes zum Eintritt ins Hotel, zum Ersteintritt ins Zimmer, zu weiteren Eintritten ins Zimmer, sowie später zur Sauna. Außer mir ist niemand zuhaus. Hier werde ich zweimal übernachten, da morgen ein mobiler Arbeitstag ansteht.
Schlussbetrachtung: Gestern – ich schreibe die Einträge immer am nächsten Morgen – während des Wanderns habe ich so eine luzide Wachheit gespürt, habe mir zum Beispiel im Kopf eine detaillierte Prioritätenliste gemacht, von dem was ich unbedingt in der nahen Zukunft machen muss. In dem Moment, wo ich angekommen bin, war diese Liste wie weggeflogen, ich konnte mich nur noch ins Bett legen, Tee trinken, entspannen und weiter prokrastinieren. Nicht mal die Liste zu machen, kam mir in den Sinn, die ja selber bereits eine subtile Form der Aufschiebung darstellt. Weil man ja meint, allein mit dem Aufschreiben die Sachen zumindest geistig schon angepackt zu haben. Ich möchte nicht wissen, wie viele Prioritätenlisten auf Zetteln ich zuhause rumfliegen habe. Die müsste man eigentlich mal konsolidieren…
Hier ist die Übersicht über meine Wanderung auf dem brandenburgischen Jakobsweg im Februar 2026.
Zurückgeworfen Schneeweißer, vereister Weg Gut geknirscht, Löwe!
Es geht los auf meine nächste Wandertour. Im Winter war ich schon öfter fastend unterwegs, allerdings noch nicht im winterlichen Winter mit Schnee und Eis. Das ist dieses Mal anders.
Bevor es losgeht, mache ich mir zuhause noch einen Einlauf und stelle so den Schalter um auf die Verbrennung der eigenen Reserven (erst Kohlehydrate, dann Fett).
Mit der U7 fahre ich nach Spandau, wo mir der Bus nach Henningsdorf vor der Nase wegfährt: 3 Minuten Umsteigzeit waren nicht genug bzw. der Bus wartet nicht. Auf dem Display an der Haltestelle steht „59 Minuten X36“, allerdings stellt sich raus, dass bereits in 20 Minuten ein Bus vom Rathaus Spandau fährt.
In Henningsdorf kaufe ich mir noch Pastillen im Supermarkt und verlasse den Ort über den Stadtpark, auf dem mich ein Langläufer im Trikot überholt und darauf hinweist, dass heute kein idealer Wandertag ist. Das wird die einzige Person bleiben, die ich heute auf dem Weg treffen werde.
Pilgerwegmarkierung
Es ist in der Tat eine Herausforderung auf dem vereisten Weg nicht hinzufallen, was mir aber gelingt. Ich rutsche immer wieder, lerne abzuschätzen, wo es besonders glatt ist und gehe meist am Rand, wo Fahrzeuge den Schnee bzw. das Eis noch nicht glattgefahren haben. Die Stöcke sind sehr nützlich. Die Temperatur ist heute etwas über Null angestiegen, es taut ein ganz wenig. Mich begleitet als einziges Geräusch neben dem Gesang vereinzelter Vögel das Knirschen und gelegentliche Knacken unter den Füßen. Für die verschiedenen Formen dieses Geräuschs bräuchte man eigentlich mehr Wörter. Der Ton ist oft weniger hoch, Knarschen würde da besser passen.
Ich laufe durch den Wald mit vielen Eichen auf der breiten Alten Hamburger Poststraße, die insbesondere hinter Bötzow kilometerweit schnurgeradeaus verläuft. In Bötzow geht es an der Feldsteinkirche und der alten, völlig überdimensionierten Grundschule vorbei.
Bötzow, FeldsteinkircheBötzow, Schule
Am Ortsausgang ist ein Reiterhof, vier wunderschöne Braune rennen auf mich zu und wollen an der Seite des Kopfes gestreichelt werden. Sie folgen mir noch ein Stück bis zur Ende der Koppel.
Bötzow, Pferde
Der Weg wird immer wieder von Meilensteinen gesäumt und zwar Viertel-, Halb- und Ganzmeilensteinen. Eine preußische Meile entspricht immerhin 7,53 km, ich bin also schon über 30 km hinter Berlin, nach Hamburg sind es noch gut 255 km.
MeilensteinAlte Hamburger Poststraße, Wegweiser
Der Weg auf der Poststraße durch den Krämer genannten Wald ist schon etwas eintönig, aber zumindest habe ich ihn für mich allein und kann mich langsam eingrooven. Ich bin trotz des trüben Wetters geblendet vom Weiß des Schnees. So einsam durch den festgefrorenen Schnee stapfend komme ich mir etwas vor wie Scott und Amundsen am Südpol. Ich passiere mehrere Schutzhütten, die ich für kurze Trinkpausen im Trockenen nutze. Dabei genieße ich sowohl den Apfel-Rote Bete-Ingwersaft als auch insbesondere den „Sanft wie Seide“- Multifruchtsaft, den ich in kleinen Schlücken „kaue“ und bei dem ich sehr stark Mango und auch Banane rauszuschmecken meine. Die Bänke draußen sind allerdings schneebedeckt und nicht nutzbar.
Alte Hamburger Poststraße
Am Nachmittag war laut App eigentlich leichter Regen angesagt, der mir aber erspart bleibt.
In der Ferne höre ich ein in meinen Ohren durchaus angenehmes Rauschen, das zu einem Brausen anschwillt, je weiter ich gehe: Es ist die Autobahn. Mein erstes Ziel ist Groß-Ziethen, das etwas abseits des Pilgerwegs liegt. Ich hatte mir gedacht, über die A24 in der Nähe des Autobahndreiecks Havelland, direkt dort hinzugehen, allerdings ist dort statt der erhofften Brücke oder Unterführung – auf der Karte sah es so aus, als käme man weiter – nur ein Zaun. Ich muss also wieder meinen Spuren zurück auf den Pilgerweg folgen und dann erst über die A10, dann durch den Wald und über die A24 nach Staffelde und dann zurück nach Osten nach Groß-Ziethen, mehr als eine Stunde extra.
In Groß-Ziethen erwartet mich meine Unterkunft, das Schloss, ursprünglich von den Bredows 1355 erbaut, das laut Fontane mal im Besitz von Blücher war. Das heutige Gebäude ist ein auf einem Barockbau basierender Umbau aus dem späten 19. Jahrhundert. Es ist sehr gut in Schuss, innen geschmackvoll renoviert. In meiner Kemenate gibt es Fischgrätenparkett, einen kleinen Sekretär in der Ecke, ein Fläschchen Wasser sowie – Gipfel des unerhofften Komforts – einen kleinen Wasserkocher nebst Teekanne, so dass ich mir einen Beeren- und einen Kamillentee kochen kann. Ich bin nach der anstrengenden Wanderung doch relativ dehydriert.
Groß-Ziethen, SchlossGroß-Ziethen, Schlosseingang
Hier ist die Übersicht über meine Wanderung auf dem brandenburgischen Jakobsweg im Februar 2026.